zurück
zu: Chirurgie angeborener Herzfehler / Kinderherzchirurgie
Jana: Vertauschte Gefäße am Herzen - ohne Operation
keine Überlebenschance
Auf ihr erstes Kind hatten sich Daniela und Heiko Wörn sehr
gefreut. Die Schwangerschaft war glatt und komplikationslos über
die Bühne gegangen, alle Untersuchungen hatten nur positive
Ergebnisse gezeigt. Umso größer war der Schock für
die jungen Eltern, als die kleine Jana nach der Geburt mit dem Baby-Notarztwagen
auf die Intensivstation des Stuttgarter Olgahospitals verlegt werden
musste. Schwerer Herzfehler lautete die niederschmetternde Diagnose.
Die Geburt im Backnanger Krankenhaus war noch problemlos verlaufen.
Das junge Paar hatte ein Familienzimmer bezogen, weil der frischgebackene
Vater von Anfang an bei seiner Familie bleiben wollte. Nach der
Geburt jedoch schrie Jana nicht wie andere Kinder und eine erste
Untersuchung ergab einen zu geringen Sauerstoffgehalt im Blut. "Zwei
Stunden durften wir uns mit Jana im Familienzimmer von der Geburt
erholen", berichtet Heiko Wörn von den ersten Stunden
der jungen Familie. Jana wurde in dieser Zeit mit Sauerstoff versorgt.
Doch der Sauerstoffgehalt im Blut blieb unverändert. Ein Kinderarzt
aus dem Krankenhaus Waiblingen wurde geholt, der das Neugeborene
zu weiteren Untersuchungen in die dortige Kinderklinik mitnahm.
"45 Minuten später kam dann die Mitteilung: Jana hat einen
schweren Herzfehler und muss sofort ins Olgahospital nach Stuttgart
gebracht werden. Das war ein ganz schlimmer Moment."
Diagnose: Transposition der großen Gefäße
Sofort machte sich Heiko Wörn nach Stuttgart auf, wo ihm die
Ärzte im Olgahospital genau erklärten, was seiner Tochter
fehlte. Jana hatte eine Transposition der großen Gefäße
(TGA). Bei dieser angeborenen Herz- und Gefäßfehlbildung
sind die Körperschlagader und die Lungenschlagader am Herzen
vertauscht "angeschlossen". Die beiden Blutkreisläufe
sind dadurch parallel geschaltet, so dass das Blut nicht mit Sauerstoff
versorgt wird. Beim Kind im Mutterleib wird das durch natürliche
Querverbindungen ausgeglichen. Diese verschließen sich allerdings
nach der Geburt. Da dadurch Körper- und Lungenkreislauf endgültig
getrennt werden, wird die Sauerstoffversorgung des Blutes mehr und
mehr unterbunden. Ohne eine Operation haben Kinder mit einem solchen
Herzfehler keine Überlebenschance.
Zunächst aber wurden die bestehenden Querverbindungen im Herzen
mit Medikamenten offen gehalten, damit sich die kleine Jana vor
der Operation noch etwas erholen konnte. Eine Woche wurde sie so
auf der Intensivstation behandelt. Daniela Wörn war inzwischen
auf eigenen Wunsch aus der Geburtsklinik entlassen worden. "Das
Kindergeschrei auf der Entbindungsstation war für mich nicht
zu ertragen", berichtet sie. Zweimal täglich fuhren die
Eltern nach Stuttgart und besuchten ihre Tochter. "Wir konnten
jederzeit kommen und so lange bleiben wie wir wollten", lobt
Daniela Wörn. "Auf der Station herrschte immer eine sehr
ruhige, angenehme Atmosphäre. Die Schwestern haben uns zudem
immer ermuntert, bei pflegerischen Arbeiten mitzuhelfen, das hat
uns sehr geholfen. Man fühlt sich dann nicht mehr so hilflos."
SHS-Kinderherzchirurgen operieren im "Olgäle"
Schließlich stand die Operation an. Dr. Alexander Horke,
Kinderherzchirurg aus der Sana Herzchirurgischen Klinik Stuttgart
(SHS) erläuterte den Eltern im Detail die bevorstehende Operation.
Er und seine Kolleginnen und Kollegen kommen regelmäßig
mit einem kompletten OP-Team ins Olgäle und führen dort
jährlich rund 150 kinderherzchirurgische Operationen in einem
speziell ausgerüsteten Operationssaal durch. Die Kinder können
so bis kurz vor und gleich nach der Operation von den Kinderärzten
im Olgäle versorgt werden.
"Bei der kleinen Jana mussten wir eine so genannte Switch-Operation
durchführen", erläutert Dr. Horke. Aorta und Lungenschlagader
werden dabei vom Herzen abgetrennt und vertauscht wieder angenäht.
Und auch die deutlich kleineren Herzkranzgefäße müssen
bei einem solchen Eingriff verpflanzt werden. Bei einem Säugling
mit gerade mal 3.200 Gramm Gewicht ist das eine diffizile Angelegenheit.
Trotzdem ist es wichtig, einen solchen Herzfehler so früh wie
möglich zu operieren. Dann hat der kleine Körper beste
Chancen, sich rasch auf den Normalzustand einzustellen und sich
entsprechend zu entwickeln.
Während der mehrstündigen Operation warten die Eltern
zu Hause
Am Tag der Operation waren die Eltern auf Wunsch von Dr. Horke
zu Hause geblieben. "Es mache ihn nervös, wenn er wisse,
dass die Eltern draußen auf dem Flur warten, hat er uns gesagt",
erzählt Heiko Wörn. Um 7.30 Uhr begann die Operation,
um 15.30 Uhr kam endlich der erlösende Anruf aus der Klinik.
Dr. Horke berichtete, dass die Operation zwar sehr lange gedauert
habe, aber alles gut verlaufen sei. Die Eltern fuhren daraufhin
sofort ins Olgahospital. "Das hat schon sehr schlimm ausgesehen,
wie unsere Jana da so elend lag mit den vielen Schläuchen",
erinnert sich Heiko Wörn, dem der Anblick wohl mehr zu schaffen
machte als seiner Frau, die als Arzthelferin und Tochter eines Chirurgen
eher auf eine solche Situation vorbereitet war. Die ersten Tage
wohnte das Paar in einem Stuttgarter Hotel, um möglichst lange
bei der Tochter sein zu können. "Mein Chef hat nur gesagt,
mach so lange frei, bis du deine Familie gesund nach Hause bringen
kannst", nennt Heiko Wörn ein Beispiel für das Verständnis
und die Unterstützung, die das Paar von allen Seiten erfahren
hat.
Zwei Wochen blieb Jana auf der Intensivstation. "Fast jeden
Tag konnte man Fortschritte sehen. Jeder Schlauch, der entfernt
werden konnte, war ein Erfolg", erzählt Daniela Wörn.
Doch die Stunden voller Sorgen abends zu Hause waren schlimm. Das
Kinderzimmer war komplett eingerichtet, das Bettchen wartete auf
die frischgeborene Tochter. "In diesen Wochen haben wir die
Tür zum Kinderzimmer geschlossen gehalten. Es erinnerte uns
zu sehr daran, wie es hätte sein sollen." Und natürlich
hat sich Daniela Wörn gefragt: "Warum gerade mein Kind?
Was haben wir falsch gemacht?" Dabei hatte sie alles richtig
gemacht, sich während der Schwangerschaft gesund ernährt,
nicht geraucht, keinen Alkohol getrunken. "Vielleicht war doch
irgendetwas nicht in Ordnung, was wir nur nicht erkannt haben."
Dass ein solcher Herzfehler "eine Laune der Natur" ist
und jeden treffen kann, ist schwer zu verstehen.
Drei Wochen nach der Operation darf Jana nach Hause
Schließlich wurde Jana auf die Normalstation verlegt und
eine Woche später konnten die Eltern ihre Tochter endlich mit
nach Hause nehmen. Aber so schnell waren die schweren Wochen nicht
vergessen. "Wenn Jana schlief, sind wir immer wieder ins Zimmer
um zu schauen, ob es ihr gut geht", erzählt Heiko Wörn
von den ersten Wochen zu Hause. Jetzt erst, rund ein halbes Jahr
später, ist auch bei den Wörns der normale Alltag mit
Kleinkind eingekehrt. Die Untersuchungsintervalle werden immer länger
und Jana entwickelt sich prächtig. Im Sommer hat die Familie
den ersten gemeinsamen Urlaub auf der Nordseeinsel Amrum gemacht.
Gleich in der ersten Woche, als Jana auf der Intensivstation im
Olgäle lag, hatten die Eltern spontan ein Tagebuch gekauft,
in dem sie fortan jeden Tag dokumentierten. "Das Aufschreiben
der Ereignisse hat uns geholfen, alles zu verarbeiten", sagt
Daniela Wörn. Wenn Jana groß ist, soll sie das Tagebuch
bekommen. Vielleicht kann sie dann ein wenig nachfühlen, welch
schwere Zeit die junge Familie in den ersten Wochen nach ihrer Geburt
durchgemacht hat. Und wie sich schließlich alles noch zum
Guten entwickelt hat.
|
|
 |
 |
Alles gut überstanden:
die kleine Jana bei ihrem ersten Urlaub nach der Herzoperation. |
|